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Was von den Deutschen übrig bleibt – erschütternder Bericht aus der ZEIT

Gefunden in der aktuellen ZEIT – den Artikel gibt es auch auf ZEIT online – http://www.zeit.de/2014/01/bundeswehr-abzug-afghanistan-faisabad – sehr lesenswert. Die Autorin lebt übrigens auf eigenen Wunsch und auf eigenes Risiko in Afghanistan; vgl. http://www.vonwurmbseibel.com/über-mich/

Kopie des Artikels folgt:

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

 

Was von den Deutschen übrig bleibt

Nach dem Abzug der Bundeswehr aus dem afghanischen Faisabad sterben hier mehr Soldaten als je zuvor. Bilanz eines Abschieds von Ronja von Wurmb-Seibel

28. Dezember 2013  17:46 Uhr

Das Feldlager Faisabad in Afghanistan (Archivbild von 2012)  |  © Can Merey/dpa

Ausgestorben. Dieses Wort kommt einem in den Sinn, wenn man das ehemalige Bundeswehrlager in Faisabad betritt. Ein Jahr nach dem Abzug der Deutschen sind die Straßen des Camps leer. Von den 200 Männern der Bereitschaftspolizei ANCOP, die hier stationiert ist, sind anwesend: Kommandeur Sardar Mohammad Hakimi, sein Bodyguard mit Kalaschnikow, ein Diener, ein Koch und zwei Gehilfen, ein Funker, vier Wachen.

Die Bundeswehr ist vor einem Jahr aus der Stadt im Nordosten Afghanistans abgezogen. Die Soldaten sollten die Provinz stabilisieren und afghanische Sicherheitskräfte ausbilden. Vergangenen Herbst übergaben sie einen großen schwarz-rot-goldenen Schlüssel an ihre afghanischen Nachfolger und wünschten “bei der Bewältigung aller Aufgaben hier in Badachschan alles Gute”.

Es ist kurz nach Mittag, fünf junge Polizisten schlendern durchs Tor. Sie kommen aus dem Urlaub. Kommandeur Hakimi geht ihnen entgegen. Begrüßt, drückt Hände, scherzt. Dann nimmt er einen von ihnen beiseite. “Wo wart ihr so lange?”, fragt er. “Ich hatte euch 14 Tage erlaubt – nicht 25.” – “Kommandeur, Sie wissen doch, wie gut es tut, die Familie zu sehen.” Hakimi widerspricht nicht. Er sagt: “Mach dich schon mal bereit. In drei Tagen fahren wir nach Boschan.”

Ende

Mit über 1.000 Fahrzeugen und 4.000 Containern will die Bundeswehr bis Ende 2014 Afghanistan verlassen. Das größte Feldlager in Masar-i-Scharif wird eine Ausbildungskaserne. 600 bis 800 Bundeswehrsoldaten sollen dafür im Land bleiben.

Boschan ist ein Dorf im Distrikt Warduj, 50 Kilometer von Faisabad entfernt. Hakimis Leute kämpften dort seit Monaten gegen Aufständische: ein Drittel Taliban, zwei Drittel Kriminelle. Schon zu Bundeswehrzeiten gab es in dieser Gegend immer wieder Gefechte. Nun versuchen die Polizisten, in den Bergen Wardujs zwei Checkpoints zu halten. Hakimis Leute seien dort zu Dutzenden gestorben, berichtet er. Im März habe er noch 350 Männer befehligt, inzwischen seien es 200. Die anderen seien entweder tot oder geflüchtet.

Boschan ist ein Ort, der ahnen lässt, was nach dem Abzug der Nato passieren könnte.

Als die Isaf-Truppen 2001 nach Afghanistan kamen, sollten sie Kabul sichern und der Regierung helfen, den Staat von der Hauptstadt aus neu aufzubauen. Nach zwei Jahren beschloss man, die Macht der Zentralregierung ins ganze Land auszuweiten. 2004 kamen die Deutschen nach Faisabad, in die Hauptstadt der Provinz Badachschan. Die Taliban konnten sie nie erobern.

Als die Bundeswehr abzog, kämpften Militär, Geheimdienst und Polizei in acht der 27 Distrikte gegen Aufständische. Heute haben sich die Kämpfe auf zwölf Distrikte ausgeweitet. Manche waren wochenlang nicht erreichbar, weil Aufständische die Straßen sperrten. Zweimal kamen die Deutschen zurück nach Faisabad, mit Aufklärern, Hubschraubern und Sanitätern. Afghanische Regierung und Bundeswehr lobten den Erfolg ihrer gemeinsamen Operationen, aber in Wahrheit wurden die Aufständischen nur von einem Distrikt in den nächsten vertrieben. Ihre Macht in der Provinz wächst.

Fragt man Hakimi, wie es in Badachschan läuft, erzählt er eine Stunde lang von den Gefechten der letzten sieben Monate. Neben ANCOP gibt es Armee, Geheimdienst, Grenzpolizei, Polizei und Kommunalpolizei. Hakimis Erzählungen sind also nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was in Badachschan passiert. Trotzdem zeigen sie, dass einiges schiefläuft bei dem, was die Bundesregierung “Übergabe in Verantwortung” nennt.

Hakimi sollte im März nach Faisabad kommen und 100 seiner Leute als Unterstützung nach Boschan bringen. Nachdem er die Checkpoints erreicht hatte, sperrten die Aufständischen die Straße nach Faisabad und schickten zwei Boten mit einer klaren Nachricht: Wenn ihr innerhalb von 24 Stunden eure Waffen abgebt, könnt ihr gehen. Hakimis Leute taten es nicht. Drei Tage später kam ein Brief: Wenn ihr in acht Stunden nicht eure Waffen abgegeben habt, bringen wir euch um. Die Polizisten reagierten nicht. Nach Sonnenuntergang griffen die Aufständischen an. Irgendwann schickte die Isaf Luftunterstützung, und die Aufständischen flohen. Hakimi brachte vier Leichen und acht Verwundete nach Faisabad.

Etwa zur gleichen Zeit schrieb die Pressestelle der Bundeswehr über Badachschan: “Die ANSF (afghanische Sicherheitskräfte, Anm. d. Red.) zeigen sich bislang unverändert befähigt, den Bedrohungen in diesem Bereich adäquat zu begegnen.”

Zwei Monate später griffen die Aufständischen wieder an, sie töteten sechs Männer von ANCOP, verwundeten acht. Und sie blockierten die Straßen, Hakimis Leute saßen fest. Der Kommandeur schickte ein paar zivile Autos, um Fleisch und Reis von Faisabad nach Boschan zu schmuggeln. Nach 28 Tagen gelangte ein Rettungskonvoi wenigstens bis ins Nachbardorf. Die Männer am Checkpoint hatten drei Fahrzeuge. Darauf luden sie Waffen, Verletzte und Leichen und fuhren sie ins Dorf. Die restlichen 80 Männer gingen zu Fuß. “Wir haben die Checkpoints verlassen”, sagt Hakimi, “und die Dorfbewohner haben sofort alles von dort mitgenommen, Türen, Möbel, Holz.”

Der Konvoi bringt Hakimis Leute nach Faisabad. Auf dem Weg dorthin wird er erneut angegriffen. Wieder sterben laut seiner Schilderung sechs Polizisten, neun werden verwundet, drei entführt. Mitte Juni meldet die Bundeswehr: “Das militärische Engagement der ANSF in diesem ländlichen Gebiet der Provinz Badachschan zeigt, dass die ANSF ihrer Sicherheitsverantwortung auch abseits von urbanen Zentren gerecht werden wollen. Die registrierten sicherheitsrelevanten Zwischenfälle (SRZ) und Verluste aufseiten der ANSF im Zuge der Operationen im Warduj-Tal sind als Konsequenz des verstärkten afghanischen Engagements zu bewerten.”

Im September können vier Distrikte in Badachschan nur noch mit dem Helikopter erreicht werden – die Straßen sind blockiert. Man bittet Kabul um Hilfe, die Regierung schickt zusätzliche Soldaten und beschließt im September eine groß angelegte sogenannte Clearing-Operation. Auch deutsche Soldaten kommen zur Unterstützung nach Faisabad zurück. “Unsere Armee hat es nicht geschafft, einen einzigen Aufständischen umzubringen”, sagt Hakimi. “Das waren alles nur die Isaf-Truppen.” Am achten Tag der Gefechte reist der afghanische Verteidigungsminister nach Badachschan und erklärt die Operation für beendet, die Aufständischen seien vertrieben. Die Deutschen ziehen wieder ab, und die Polizisten von ANCOP sollen zurück nach Boschan. Doch als sich Hakimis Leute den Checkpoints nähern, fallen schon wieder Schüsse. Die Aufständischen haben sich hinter Felsen versteckt, die Männer von ANCOP bemerken sie zu spät. Wieder gibt es Tote und Verletzte. Hakimi hört und sieht alles von seinem Auto aus. Als er aussteigt, durchschlägt eine Kugel seinen rechten Oberschenkel.

Es ist das achte Mal, erzählt Hakimi, dass er in seinem Leben getroffen wurde.

Hakimis Bodyguard stieß ihn zurück ins Auto und raste mit ihm nach Faisabad ins Krankenhaus.

In Boschan hatten die Aufständischen unterdessen 50 Grenz- und Bereitschaftspolizisten festgesetzt. Wieder sollten sie ihre Waffen abliefern. Einer von Hakimis Leuten wurde wütend und schoss auf den Anführer. Dann brach Chaos aus. 18 Grenzpolizisten und sechs von Hakimis ANCOP-Männern starben, darunter auch sein 22-jähriger Neffe.

Erst am nächsten Tag kam ein Konvoi aus Faisabad zur Verstärkung nach Boschan, da waren die Aufständischen längst weg. Und Hakimis Leute zogen wieder in die beiden Checkpoints ein. “Das waren meine letzten sieben Monate”, sagt Hakimi.

Nach dem Gespräch mit dem Kommandeur fällt es schwer, sich vorzustellen, dass hier in Faisabad vor einem Jahr noch die Bundeswehr stationiert war. Die meisten Deutschen verließen nie das Feldlager, in acht Jahren kamen drei Soldaten ums Leben.

Rundgang durchs Lager. Als Erstes führt der Kommandeur zur Moschee, der früheren Kirche der Deutschen. Draußen hängt jetzt ein Lautsprecher, drinnen fehlt das Kreuz, ansonsten hat sich nicht viel verändert. “Da sieht man doch, dass wir alle gleich sind”, sagt Hakimi. “An wen wir glauben, spielt doch keine Rolle.”

Hinter der Moschee ist noch das Beachvolleyballfeld aufgebaut, Basketballkorb, Torwand, alles unbenutzt. Im Sommer 2012 erzählte hier ein Bundeswehrarzt besorgt, wie viele Soldaten sich beim Sport verletzten. “Ich bring’s trotzdem nicht übers Herz, das zu verbieten”, sagte er damals. “Sonst hätten die Jungs ja gar nichts mehr hier.” Im Fitnessraum sind die Geräte halb zerfallen, am Boden liegen Gewichte zerstreut. Im Gang hängen noch die Schilder der Deutschen: “Wechsel Schuhe!”, “Mit einsetzender Dunkelheit ist die Tür geschlossen zu halten (Lichtdisziplin!!!)”, “Sport im Einsatz baut Stress ab …!” Selbst wenn man das alles schon gesehen hat, wird erst jetzt die Absurdität offenbar, der Unterschied zwischen Bundeswehrkrieg und Krieg.

Im Essenssaal klebt ein Zettel an der Wand: “Denkt an eure Kameraden – es ist für jeden ausreichend da.” Es gab damals Schweinsbraten mit Knödel, Weißwürste mit Brezen, stapelweise Hotel-Päckchen Nutella, die Til Schweiger per Feldpost einfliegen ließ. Jetzt erzählt Hakimi, dass der Reis, der ihm aus Kabul zugeteilt wird, immer zu knapp ist: “So ist das eben – wenn etwas von Hand zu Hand geht, kommt am Ende wenig an.”

Bei den Deutschen bewachten nicht vier, sondern bis zu 80 Leute das Feldlager. Über dem Camp schwebte ein riesiger Zeppelin, dessen Kameras Stadt und Umgebung filmten. Die Kommandozentrale war ein Hightechraum mit Computern und Schalttafeln. Jetzt sind da: ein Mann und ein Funkradio.

Wenn man Hakimis nüchternen Bericht hört, muss man unweigerlich an die Geschichten der Bundeswehrsoldaten denken: “Unser Auto wurde mit Steinen beschmissen”, “Wir haben aus der Ferne eine Panzerfaust gehört”, “Ich kenne einen, der bei einem Anschlag dabei war.”

Der Politikwissenschaftler Philipp Münch hat kürzlich für das Afghanistan Analysts Network untersucht, welche Art von Krieg die Bundeswehr in Badachschan geführt hat. Sein Ergebnis: Den Deutschen mangelte es in drastischer Weise an Informationen, sie verfolgten keine konsistente Strategie und versuchten im Gegensatz zu anderen Nationen nicht, die bestehenden Machtverhältnisse in ihrer Region zu verändern.

Solange die Soldaten da waren, konnten sie Gewalt unterdrücken. Eine wirksame Regierung und schlagkräftige Sicherheitskräfte haben die Deutschen nicht hinterlassen.

Das letzte Mal kam die Bundeswehr im September zurück in ihr altes Feldlager nach Faisabad. Dort, wo die Soldaten campierten, liegen Zigarettenschachteln, eine leere Packung Fertig-Cappuccino und haufenweise verschweißtes Essen im Dreck. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist noch nicht überschritten.

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Categorised in: InDeutsch, Politics/Politik

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