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SPON Artikel über Impfgegner – herrlich (und traurig zugleich)

Zitat:

Der Neoobskurantismus der Gegenvirologen geht Hand in Hand mit Kapitalismuskritik, linkem Naturkitsch und einem ökologisch gefärbtem Mutterkult, der alles verdächtigt, was nicht nach Baumwollwindeln, Kirschmolke und Pastinake riecht.

Voller Artikel: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/masern-impfung-achtung-impf-mobber-fleischhauer-kolumne-a-1021465.html

Kopie des Artikels folgt

Grüne Medizinkritik: Achtung, Impf-Mobber!

Was treibt Menschen, die Impfungen für Sünde halten? Warum liegt das Zentrum der Impfkritik in Vierteln wie dem Prenzlauer Berg? Ein Blick in den Szene-Klassiker “Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter” gibt Aufschluss.

Eine Kolumne von

Ich bin jetzt ein Impf-Mobber. Ich bin schon vieles genannt worden, aber das war mir neu. Ein Impf-Mobber ist jemand, der es für eine ziemlich verrückte Idee hält, sich nicht mit einer kleinen Spritze in den Arm gegen Krankheiten zu schützen, die einen bös niederstrecken können. Ich hatte vergangene Woche eine Begegnung mit einer jungen Mutter, die vehement gegen jede Form der Vorsorge-Impfung ist. Als ich auf den Masernausbruch in Berlin hinwies, der meiner Meinung nach eher das Gegenteil nahelegt, war das für sie ein klarer Fall von Impf-Mobbing.

Ich hatte ja keine Ahnung, wie ernst es den Leuten mit ihrer Aversion gegen das Impfen ist. Verglichen mit dieser Glaubensbewegung sind die Zeugen Jehovas ein lockerer Karnevalsverein. Auf einer der Webseiten, auf denen sich die Impfgegner gegenseitig bestärken, habe ich gelesen, dass die Abwertung, die sie erfahren mussten, nur mit der Hetze im “Dritten Reich” vergleichbar sei.

Es gibt eine richtige Bewegung mit eigenen Treffpunkten und Zeitschriften. Der Papst der Impfkritik ist ein Molkereifachmann aus der Nähe von Stuttgart namens Hans U. P. Tolzin, der via “Germanischer Neuer Medizin” zur epidemiologischen Gegenaufklärung fand. Wann immer es zum Ausbruch einerInfektionskrankheit kommt, meldet sich Tolzin zu Wort und sagt, warum Viren eine Erfindung der Schulmedizin seien.

Der Mann hat alle Hände voll zu tun: Wenn er nicht gerade die Masernfür ungefährlich erklärt oder gegen die “Tetanus-Lüge” anrennt, versucht er dafür zu sorgen, dass die Leute endlich einsehen, dass Aidsnicht durch HIV, sondern die falsche Lebensweise ausgelöst wird. Sogar ins “ARD Morgenmagazin” und in die Phoenix-Runde hat es dieser merkwürdige Heilige schon geschafft.

Die Argumente der Impfgegner sind alle widerlegt, aber das ändert nichts. Jeder Versuch, ihnen mit Argumenten die Ängste zu nehmen, bestärkt sie nur in ihrem Glauben, dass sich die Welt epidemiologisch auf einem gefährlichen Irrweg befindet. Impfen gilt als willkürlicher Eingriff in die Natur und damit grundsätzlich als verdächtig. Außerdem haben die mächtigen Pharmakonzerne ihre Finger im Spiel, und wo die dahinterstecken, muss man ohnehin auf der Hut sein, wie jeder weiß, der sich nur ein bisschen mit der Gesundheitsindustrie auskennt.

Es ist kein Zufall, dass das Epizentrum der Anti-Impf-Bewegung in Vierteln wie dem Prenzlauer Berg liegt, wo der Anteil der Grün-Wähler verlässlich über 30 Prozent liegt. Der eigentliche Kern der Impfkritik ist nicht wissenschaftlich, sondern nur ideologisch zu verstehen. Der Neoobskurantismus der Gegenvirologen geht Hand in Hand mit Kapitalismuskritik, linkem Naturkitsch und einem ökologisch gefärbtem Mutterkult, der alles verdächtigt, was nicht nach Baumwollwindeln, Kirschmolke und Pastinake riecht.

Wünschenswert ist Natur nur, solange sie uns nicht bedrängt

Die Journalistin Anja Maier hat in ihrem soziologischen Adhoc-Klassiker “Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter” Einblick in dieses Milieu gegeben, in dem die späten Einzelkinder vor ihrem laktosefreiem Baby-Latte sitzen, während sich die Mütter den Kopf zerbrechen, wie sie ihr Bioleben so gestalten, dass die heile Welt keine Risse bekommt, “denn die Gefahren von außen sind so groß”.

In der Kritik an der Apparatemedizin bündeln sich alle Vorbehalte gegen die Moderne, die Menschen angeblich von sich entfremdet. Dabei ist Natürlichkeit eine enorm komplizierte Sache, wie man leicht feststellt, wenn man darüber nachdenkt. Dieselben Frauen, die einen Weinkrampf bekommen, wenn ihnen der Arzt von einer Hausgeburt abrät, setzen gleichzeitig alles daran, der Schicksalhaftigkeit der Natur ein Schnippchen zu schlagen, indem sie schon im Mutterleib bestimmen lassen, welche Erbkrankheiten oder Fehlbildungen das Ungeborene möglicherweise aufweist.

Was uns im Rückblick als heile, weil ursprünglichere Welt erscheint, ist in Wahrheit ein sehr modernes Konzept von Natur und damit ziemlich künstlich. Es ist ohnehin schwer zu sagen, wie Menschen auf die Idee kommen können, unsere Urahnen hätten ein besseres Leben gelebt, weil sie sich noch im Einklang mit der Natur befanden. Spätestens beim Zahnarzt vergeht einem die Lust, auf Heilverfahren zu setzen, denen unsere Vorfahren zur Schmerzlinderung vertrauten. Wünschenswert ist Natur nur, solange sie uns nicht bedrängt.

“Wir können uns auch in Prenzlberg treffen, ich bin geimpft”, lautete am Wochenende ein Satz auf Twitter. Was das Recht angeht, sich unglücklich zu machen, bin ich ein ausgesprochen liberaler Mensch. Meinetwegen können die Leute Placentaglobuli einschieben und der Heilkraft des Urins vertrauen, wenn ihnen ein Geschwür wächst oder sie von einer schweren Infektion in Schach gehalten werden. Leider sind die Impfgegner besonders entschieden, wenn es um die eigenen Kinder geht. Das ist nicht nur dumm, sondern auch kreuzgefährlich. Aber halt, das war ja jetzt wieder Impf-Mobbing.

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Categorised in: InDeutsch, Politics/Politik, Technology

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