mostly in English, sometimes in Deutsch

Aus der ZEIT (siehe http://www.zeit.de/2015/52/hasskommentare-migration-die-gruenen-buergerschaft/komplettansicht), sehr sehr bitter. Und inhaltlich gut passend zu dem Post hier.

Rohe Weihnachten

Eine Grüne spricht in der Bürgerschaft über Flüchtlinge. Auszüge der Rede landen im Netz. Was dann folgt, spottet eigentlich jeder Beschreibung.

Von Oliver Hollenstein

29. Dezember 2015, 18:03 Uhr / DIE ZEIT Nr. 52/2015, 23. Dezember 2015 / 617 Kommentare

“Das ist gut so”: Diese Floskel, ausgesprochen in der Hamburgischen Bürgerschaft, hat das Leben von Stefanie von Berg verändert. Es war eine Floskel. Ein unbedeutender Satz in einer unbedeutenden Rede einer verhältnismäßig unbedeutenden Lokalpolitikerin.

Dirk aus Wittenberg findet nun, man solle ihr “mit ner Schrotflinte in die Fresse schießen”. Richard aus den USA schreibt, er habe sich Satellitenbilder ihres Hauses angeschaut, er sei ein böser Junge und komme demnächst einmal nach Hamburg. Und Jürgen aus dem Münsterland wünscht ihr zu Weihnachten “von ganzem Herzen” eine Vergewaltigung.
Wie es so weit kommen konnte?

Am Mittwoch, dem 11. November, kurz nach 18 Uhr, tritt Stefanie von Berg ans Rednerpult der Bürgerschaft. Es ist eine dieser Debatten, derentwegen der Bürgerschaft so oft Langeweile vorgeworfen wird. Schon zum zweiten Mal geht es an diesem Tag um Schulunterricht für Flüchtlingskinder. Von Berg, 51 Jahre alt, ist schulpolitische Sprecherin der Grünen, ein mäßig dankbarer Job, der vor allem darin besteht, die vom Koalitionspartner SPD geführte Schulbehörde gegen Kritik der Opposition zu verteidigen.

“Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, unsere Gesellschaft wird sich ändern, unsere Stadt wird sich radikal verändern”, beginnt von Berg. “Ich bin der Auffassung, dass wir in 20, 30 Jahren gar keine ethnischen Mehrheiten mehr haben in unserer Stadt.” Sie stolpert durch eine Passage, die wohl sagen soll, dass die Stadt von der Vielfalt profitieren werde. Und dann kommt jener unbedachte Satz, jene spontane Reaktion auf einen Zwischenruf, die alles veränderte: “Und ich sage Ihnen ganz deutlich, gerade hier in Richtung rechts: Das ist gut so.”

Ein Abgeordneter klatscht. Dann erklärt von Berg, dass Bildung der Schlüssel zur Integration der Flüchtlinge sei, und vertieft sich in die Details des CDU-Antrags.

Knapp sechs Wochen später haben sich mehr als 200.000 Menschen im Internet ein Video angeschaut, auf dem der Beginn dieser Rede zu sehen ist. Mehr als 5.000 Internetnutzer haben das Video kommentiert. Sie wüten gegen Flüchtlinge, gegen die Politik, gegen das ganze angeblich verkommene System.

Zum Fest der Liebe ist dies eine Geschichte vom Hass. Sie erzählt von selbst ernannten Christen, die anderen den Tod wünschen. Sie erzählt von einer Partei, die Feindbilder im Netz aufbauscht. Und von einer Politikerin, die versucht, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Hundertfach geschaut, kommentiert, geteilt

Ganz rechts in der ersten Reihe der Bürgerschaft sitzt während der Rede Jörn Kruse, Fraktionsvorsitzender der AfD. Er ärgert sich. Kruse findet es ungeheuerlich, zu sagen, die Deutschen könnten bald nicht mehr die Mehrheit sein in Hamburg. Auch wenn er später einräumt, dass die Prognose nicht vollkommen abwegig ist: Schon heute haben auf der Veddel, in Billbrook oder Wilhelmsburg mehr als die Hälfte der Anwohner einen Migrationshintergrund, genauso wie fast 45 Prozent der Hamburger Grundschüler. Das muss man nicht “gut so” finden – aber man muss erst einmal die Fakten akzeptieren.

Nach der Sitzung habe er mit Kollegen aus der Fraktion über die Rede diskutiert, sagt Kruse, mehrere seien sehr aufgebracht gewesen. Neun Tage später, am Freitag, dem 20. November, stellt die AfD um 8.56 Uhr ein Video mit dem Titel Grünen-Politikerin lässt die Maske fallen auf ihre Facebook-Seite. Es zeigt einen Ausschnitt aus von Bergs Rede.

Darunter steht: “Das politische Ziel der Grünen: Es soll keine deutsche Bevölkerungsmehrheit mehr geben.”

Die AfD deutet die Rede semantisch um. Von Berg sagte, es werde passieren, und das sei gut so. Die AfD macht draus: Es solle passieren. Eine Prognose und deren Bewertung wird zum politischen Ziel. Und die Enthüllung dieses Ziels, so suggeriert die AfD, finde sich in dem Video. Man kann das “gut verkauft” nennen – oder perfide verdreht. AfD-Fraktionschef Kruse sagt, über die Überschrift könne man vielleicht streiten, den Rest des Beitrags halte er für durch die Rede gedeckt.
Wer das Video ins Netz gestellt hat? Das wisse er nicht. Das müsse einer der IT-Experten der Fraktion gewesen sein.

Die meisten Videos auf der AfD-Seite erreichen nicht viele Menschen. In der Regel werden sie nicht mehr als 300-mal angeschaut und von gerade einmal einem Dutzend Personen kommentiert.

Der Beitrag mit Frau von Berg wurde bisher mehr als 500-mal so oft geschaut, kommentiert oder geteilt.

Kruse sagt, er sei davon selbst überrascht. “Ich schaue mir den Facebook-Kram ehrlich gesagt nicht mehr an, das meiste dort ist prolliges Zeug.” Aber der IT-Berater seiner Fraktion könne bestimmt helfen, sagt er. Der Berater ist ein Mann, der früher in der rechtsextremen DVU war und regelmäßig für die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit schreibt. Auf eine Anfrage der ZEIT antwortet er nicht.

Allerdings lässt sich auch ohne seine Hilfe erzählen, wie schnell das Video im Netz ein Erfolg wurde. Etwa 15 Minuten nach der Veröffentlichung teilt der AfD-Abgeordnete Alexander Wolf das Video, er gilt als Rechtsaußen seiner Fraktion. Am Nachmittag sieht der Pressesprecher der Grünen-Fraktion den Post, rät von Berg, erst einmal nicht zu reagieren. Drei Tage später, am Montag, dem 23. November, entdeckt von Bergs Referentin den Eintrag auf Facebook. Darunter stehen mehr als 500 Kommentare, in vielen wird mit körperlicher oder sexueller Gewalt gedroht.

“Gut wäre … Erlösung durch Genickschuss für diese Frau”, hatte ein Nutzer geschrieben.

“Kann die mal einer zum Tierarzt schicken? Einschläfern kostet ja nicht Unsummen!”, ein anderer.

“Hoffentlich wird sie heute Nachmittag noch vom Bus überfahren oder vom Blitz getroffen”, ein dritter.

Von Berg schreibt an Jörn Kruse. Der lässt Dutzende Kommentare löschen.
Woher der Hass?

An diesem Montag im November rufen fremde Menschen bei Stefanie von Berg auf dem Handy an, zu Hause wird ihr Sohn am Telefon beschimpft. Fremde Männer schreiben ihr Mails, sie wüssten, wo sie wohne. Von Berg schaut sich die Hasskommentare auf Facebook an. Doch lange hält sie nicht durch. “Die Morddrohungen haben mich am Anfang erschreckt”, sagt sie. “Aber nachhaltig verletzend finde ich die vielen, vielen sexuellen Bemerkungen: Ich sei lesbisch, untervögelt, müsse mal richtig vergewaltigt werden – das hat mich schockiert.”

In der rechten Szene wird der Link weitergereicht. Am 27. November stellt jemand das Video mit englischen Untertiteln ins Netz. Nun kommen Kommentare und Mails aus den USA. Am 30. November montiert ein rechtes Blog den Satz “Es ist gut so, daß wir Deutschen bald in der Minderheit sind” auf ein Foto von Stefanie von Berg. Das Bild verbreitet sich rasant. Kaum jemand scheint zu merken, dass der Satz so gar nicht gefallen ist. Am 1. Dezember wirbt schließlich das bekannte rechte Blog Politically Incorrect für das Video.

Linke Politikerin wolle Völkermord am eigenen Volk begehen, steht nun tausendfach im Netz – auf Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch und Norwegisch. Endlich spreche es eine Politikerin offen aus.

Das Vorhaben der AfD, eine große “Enthüllung” zu liefern, hat offenbar funktioniert.
Am 30. November schreibt Jürgen J., ein Unternehmer aus einer Kleinstadt im Münsterland, eine Mail an Stefanie von Berg, die er auch auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Er sei als Sohn eines ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und einer Russin als Zwölfjähriger nach Deutschland gekommen. Niemals habe er sich vorstellen können, dass “dieses, mein Land, eines Tages so krank sein wird”.

Von Menschen wie von Berg würde das Land schlechtgeredet. “Ich werde in ein paar Tagen 65 Jahre alt und fürchtete, ich hätte keine lohnenswerte Aufgabe mehr. Ich danke Ihnen dafür, mir ein neues Lebensziel geschenkt zu haben, mit aller Kraft und mit allen Mitteln für dieses Land gegen Menschen wie SIE, für die Zukunft dieser deutschen Nation zu kämpfen, solange ich atme!”

Und dann schreibt Jürgen J., dass er der Abgeordneten etwas zu Weihnachten wünsche. “Sie mögen an irgendeinem Abend, beim Spaziergang mit Ihrem Hund (falls Sie einen haben) oder auf dem Weg von einer Sitzung im Rat oder einfach von da nach dort, von einem Muslim überfallen und vergewaltigt werden. (…) Das, liebe, verehrte Frau von Berg, wünsche ich Ihnen vom ganzen Herzen zu diesem Feste!”

Woher kommt bei einem Mann wie Jürgen J. der Hass?

Auf Kontaktversuche reagiert er nicht. Einiges lässt sich allerdings aus seiner Facebook-Seite schließen. Mehr als ein Dutzend Artikel teilt und kommentiert er jeden Tag. Er verbreitet Berichte über die Verfehlungen von Politikern und die Kriminalität von Ausländern, besonders von Muslimen. Über das Bild einer vollbusigen Frau schreibt er: “Wenn Gott, der alte Fehlplaner, die Burka gewollt hätte, hätte er EVA nicht nackt erschaffen …!” Aus seinen Kommentaren lässt sich erahnen: Die Politik im Allgemeinen und Angela Merkel im Speziellen hält er für unfähig, sich selbst und seine Bekannten für “das Volk”.

Wer durch die Profile dieses “Volks” klickt, driftet in eine Parallelwelt. Es sind Bürger, die gegen den Staat und seine Institutionen wettern. Sie drohen mit Gewalt, mit Vergewaltigung, mit Mord. Einig sind sie sich in einem: Mit der Flüchtlingspolitik haben sich die Eliten endgültig gegen das eigene Volk verschworen.

Stefanie von Berg ist ihre Kronzeugin: Seht her! Endlich sagen die Politiker, was sie wirklich wollen! Sie wird zur Chiffre für alle Menschen, gegen die man sich wehren muss.

Die Hasser sehen sich im Kampf.
“Jetzt erst recht aufstehen”

Neu ist, dass sie sich dabei nicht mehr hinter Pseudonymen verbergen. Von den Gewaltaufforderungen führen wenige Klicks zu Bildern von Kindern oder Enkeln oder zu Urlaubsschnappschüssen. Ein Jürgen H. hat viele Fotos von seiner Frau und seinem Sohn auf Facebook. Das Video mit Stefanie von Berg hat der 71-Jährige Mitte Dezember mit den Worten kommentiert: “- – – und wenn sie in Kürze im Winde schaukeln – dann sage ich: ›DAS IST GUT SO!‹”

Jürgen H. erklärt sich bereit, mit der ZEIT zu chatten. Er habe in der DDR im Stasi-Knast gesessen, erzählt er. Später habe er CDU gewählt. Heute lebe er auf den Philippinen, 80 Prozent Christen gebe es dort, deswegen sei das Zusammenleben sehr friedlich. Er habe eine Filipina geheiratet. Spätestens zur Einschulung seines anderthalbjährigen Sohnes wolle er aber zurück nach Deutschland.

Doch leider, schreibt er freundlich weiter, werde in Deutschland gerade die Zukunft seines Sohnes zerstört. Das Land habe sich zu einer Diktatur entwickelt. Woran er das festmacht? “Das ›Verbrechen‹ unserer Volksvertreter ist die totale Öffnung der Grenzen.” Merkel lehne einen Volksentscheid über die Flüchtlinge ab, obwohl das laut Umfragen eine Mehrheit der Deutschen wolle, schreibt Jürgen H. – damit sei Deutschland eine Diktatur.

Die meisten der Hasskommentatoren halten sich für Vertreter der Mehrheitsmeinung; die immer gleichen Kommentare, die ihnen der Facebook-Algorithmus präsentiert, und die Umfragen, die Skepsis vor Flüchtlingen bei einer Mehrheit der Deutschen zeigen, erzeugen für sie eine Welt, in der sich Deutschland schnell von Politik und Medien befreien muss. Jürgen H. plädiert für eine “gnadenlose – archaische Lösung”. Ihm falle nichts anderes ein, “als den harten Kern, der Deutschland in diese Lage gebracht hat, so zu eliminieren – bis hin zur Tötung –, dass sie keinen Schaden mehr anrichten können”. Das sei eine harte Lösung, aber die einzig mögliche.
Zum Abschied wünscht er ein frohes Weihnachtsfest und schickt noch ein Bild seines Sohnes mit Nikolauskostüm. “Ansonsten bin ich (wahrscheinlich) ein guter Ehemann und liebevoller Vater”, schreibt er. “Ohne Hakenkreuze überm Bett und auch keine Reichskriegsflagge überm Sofa.”

AfD-Fraktionschef Jörn Kruse ist der Hass merklich unangenehm. “Ich kann leider nicht ausschließen, dass einige dieser Kommentatoren auch in meiner Partei sind”, sagt er, er kenne solche Beleidigungen auch persönlich. “Bei den Hasskommentaren frage ich mich: Haben die Leute nichts Besseres zu tun? Haben die Leute keinen Anstand?” Menschlich tue ihm Stefanie von Berg sehr leid. “Ich habe mich sofort bei ihr entschuldigt.”

Für Stefanie von Berg zählt das wenig. Sie glaubt, dass die AfD mit dem Post bewusst diffamieren wollte. “Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass es dabei nicht um mich geht”, sagt sie. Ziel dieser Menschen sei es, Andersdenkende mundtot zu machen. “Offenbar kommen die Rechten aus ihren Löchern. Wir müssen jetzt erst recht aufstehen und uns dagegen wehren – das sollten wir aus der Geschichte gelernt haben.”

Von Berg will sich nicht einschüchtern lassen, bloß kein Opfer sein. Das ist es ja, was ihre neuen Feinde wollen. Sie hat Anzeige gegen acht der schlimmsten Kommentatoren gestellt. Die Kontrolle behalten, darum geht es ihr. Aber natürlich hat sie ein mulmiges Gefühl. Ihre Adresse hat sie aus dem Telefonbuch löschen lassen und alle Telefonnummern aus dem Netz genommen. Sie will keine Grüße mehr vom familiären Weihnachtsbaum auf Facebook posten, kein Urlaubsfoto vom Strand. Sie sagt: “Ich werde mich trotzdem nicht verstecken. Jetzt sage ich erst recht: Das ist gut so.”

Auch Stefanie von Berg ist jetzt im Kampf.

Categorised in: InDeutsch, Politics/Politik

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