ZEIT ONLINE: Schon wieder hat es einen schweren Anschlag in Frankreich gegeben. Haben wir in Deutschland bislang einfach Glück gehabt?

Peter Neumann: Ja, das ist die eine Erklärung. Die andere ist: In Deutschland ist die Gefahrenlage zwar sehr hoch, aber nicht so hoch wie in Frankreich. Das hat unterschiedliche Gründe. Aus Frankreich sind doppelt so viele Auslandskämpfer nach Syrien und in den Irak gegangen, obwohl Frankreich weniger Einwohner hat als Deutschland. In Frankreich hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas zusammengebraut, was es so in Deutschland nicht gibt. Die dschihadistische Szene hat dort ganz andere Strukturen.

ZEIT ONLINE: Wie wahrscheinlich sind Anschläge in Deutschland?

Neumann: Gestern haben IS-Unterstützer schon online kommentiert: “Als Nächstes ist Berlin dran.” Ich denke, dass es Deutschland treffen wird. Im Bekennerschreiben des IS nach den Anschlägen von Paris werden explizit Frankreich und Deutschland als “Kreuzzüglernationen” genannt.

ZEIT ONLINE: Sind die europäischen Sicherheitsmaßnahmen ausreichend?

Neumann: Die Kooperation zwischen den europäischen Ländern reicht nicht aus. Man hat das Schengen-Abkommen geschlossen, ohne die Hausaufgaben zu machen, die daraus folgen. Für offene Binnengrenzen braucht man funktionierende Außengrenzen und einen funktionierenden Datenaustausch. Aber bis heute gibt es keine Datei, die alle europäischen Auslandskämpfer umfasst. Es gibt eine Liste von Europol, aber da fehlt die Hälfte der Namen. Es ist also für jemanden, der in Syrien oder im Irak gekämpft hat, sehr einfach, über ein anderes europäisches Land zurück nach Europa zu gelangen. Das ist ein Skandal. Und obwohl nach den Anschlägen von Paris und Brüssel viel darüber gesprochen wurde, hat sich nichts geändert.

ZEIT ONLINE: Der Anschlag fand am 14. Juli statt, dem französischen Nationalfeiertag. Welche Rolle spielt der Hass auf Frankreich bei den Angriffen?

Neumann: Frankreich ist bei Dschihadisten das meistgehasste Land in Europa. Zum einen, weil Frankreich sich außenpolitisch besonders exponiert. Zum anderen, weil Frankreich ja eine spezielle Form des Laizismus praktiziert, die Gesetze wie das Kopftuchverbot mit sich bringt. Radikale Muslime halten das für islamfeindlich.

Neumann: Das ist ein Faktor. Es gibt in französischen Städten Ghettos in einem Maße, wie sie in Deutschland nicht existieren. Viele Franzosen mit Migrationshintergrund – die zweite und dritte Generation der Einwanderer – fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Das französische Projekt von “Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit” ist ja eigentlich eines für alle Bürger. Aber wer in der Banlieue aufwächst, glaubt nicht, dass diese Grundsätze auch für ihn gelten.

Immer mehr Dschihadisten sind Kleinkriminelle

ZEIT ONLINE: Viele der bisherigen Attentäter haben marokkanische oder tunesische Wurzeln – Länder, die eigentlich für einen moderaten Islam stehen.

Neumann: Die Attentäter sind zu einem extremen Salafismus konvertiert. Die kulturelle Prägung, die sie vorher hatten, ist da relativ egal. Unter den Salafisten und speziell unter den Auslandskämpfern sind ja ohnehin sehr viele Konvertiten, etwa 20 bis 30 Prozent. Sie sagen nicht: Ich bin zum Islam konvertiert. Sondern: Ich bin zum Dschihad konvertiert.

ZEIT ONLINE: Die französischen Dschihadisten gelten als besonders radikal. Liegt das auch daran, dass sie in Syrien und im Irak andere Rollen übernehmen als etwa die deutschen Dschihadisten?

Neumann: Der IS ist immer noch eine irakisch dominierte Organisation. Es ist fast unmöglich aufzusteigen, wenn man nicht gut Arabisch spricht. Aber auch die Franzosen maghrebinischer Herkunft sprechen oft kaum Arabisch. In den sozialen Netzwerken kommunizieren sie fast ausschließlich auf Französisch. Von deutschen Rückkehrern, die ausgesagt haben, wissen wir, dass der IS seit Januar 2015 verstärkt nach Westlern sucht, die Anschläge verüben. Es gibt eine Unterorganisation für diese sogenannten “externen Operationen”. In dieser Gruppe sind Kämpfer aus europäischen Ländern natürlich willkommen.

ZEIT ONLINE: Das Täter-Profil, das sich aus den Anschlägen von Paris, Brüssel und jetzt vermutlich auch Nizza ergibt, ist: erst kriminell, dann radikal.

Neumann: Das stimmt. Die allermeisten Attentäter aus jüngster Zeit haben einen kriminellen Hintergrund. Das liegt auch daran, dass der IS sich keine Mühe gibt, eine religiöse Fassade aufzubauen. Er ist einfach nur brutal. Und er bietet jungen Männern, die auf die schiefe Bahn geraten sind, ein redemption narrative: Er verspricht ihnen, sie von der Last ihrer Vergangenheit zu befreien. Sie können weiter das tun, was sie vorher getan haben und dieselben Fähigkeiten benutzen. Nur eben nun für eine vermeintlich gute Sache.

ZEIT ONLINE: Ist es dem IS also gelungen, einen neuen Typus von Dschihadisten zu erschaffen?

Neumann: Ja. Im Jahr 2004 hatten 60 Prozent der westlichen Al-Kaida-Kämpfer einen Universitätsabschluss. Unter ihnen waren Ingenieure und Doktoren. Die Zahlen, die das BKA zu deutschen IS-Kämpfern hat, sehen ganz anders aus: Nur 12 Prozent haben einen Uniabschluss, 25 Prozent sind arbeitslos, zwei Drittel sind polizeibekannt, ein Drittel vorbestraft. Al-Kaida hat ganze Bücher geschrieben, um Anschläge zu rechtfertigen. Als der IS im Februar 2015 einen jordanischen Polizisten verbrannte, gab es zur Erklärung einen Absatz.

ZEIT ONLINE: Bisher sieht es so aus, als habe der Attentäter von Nizza keinen Auftrag vom IS gehabt. Wie gefährlich sind solche Einzeltäter?

Neumann: Der IS verfolgt drei verschiedene Anschlagsstrategien. Das eine sind komplexe Anschläge an mehreren Orten, die vom IS selbst organisiert werden, wie in Paris und Brüssel. Das Zweite sind westliche Auslandskämpfer, die mit dem Auftrag, einen Anschlag zu verüben, zurückgeschickt werden. Meist suchen sie sich ihr Ziel selbstständig aus, wie etwa der Attentäter im Jüdischen Museum in Brüssel. Das Dritte sind sogenannte einsame Wölfe. Im September 2014 hat der IS seine Strategie geändert. Vorher hieß es immer: “Kommt her und lebt im ‘Islamischen Staat'”. Jetzt heißt es: Ihr müsst nicht nach Syrien kommen. In einer Erklärung hat Abu Mohammad al-Adnani, der Pressesprecher des IS, eine Lizenz für solche Anschläge erteilt. Darin heißt es: “Wenn ihr Ungläubige erwischt, speziell Franzosen, macht mit ihnen, was ihr wollt. Sie sind alle schuldig.” Es folgt eine lange Liste an Grausamkeiten. Aufgeführt wird auch, man können “Ungläubige” mit Autos oder Lkws überfahren. Seitdem haben solche Angriffe von Einzeltätern stark zugenommen.