Der Wohlstand Mitteleuropas, unser hohes Mobilitäts- und Konsumniveau, gründet auf drei industriellen Revolutionen, deren technischer Fortschritt die Arbeitsproduktivität ständig erhöht hat. Die Folgen sind paradox: Einerseits können mit dem gleichen Arbeitsaufwand immer mehr Güter produziert werden, und die breite Masse der Bürger kann sich dank Lohnerhöhungen immer mehr leisten. Andererseits werden dieselben Produktivitätsfortschritte genutzt, um Arbeitskräfte freizusetzen und durch Maschinen zu substituieren.

Wenn das nicht in die Massenarbeitslosigkeit führen soll, sondern in steigenden Wohlstand für alle, ist – im herrschenden System – Wirtschaftswachstum nötig; und je stärker der technische Fortschritt die Produktivität erhöht, desto höher muss das Wachstum sein.

Nun zeichnet sich eine vierte industrielle Revolution ab. In ihr werden auch viele Dienstleistungsbereiche digitalisiert werden, und sie könnte alles übertreffen, was bislang an Rationalisierungseffekten möglich erschien. Damit geraten ausgerechnet die innovativsten Gesellschaften – also jene, die längst unter Konsumlawinen zu ersticken drohen – unter kolossaleren Wachstumsdruck als je zuvor, wenn ein sozialpolitisches Desaster abgewendet werden soll.

Fatalerweise stößt die Wachstumsstrategie jedoch zunehmend an Grenzen. Die ökologischen Kosten steigen: Trotz aller Anstrengungen, das Leben in der Komfortzone von Umweltschäden zu entkoppeln, wird der nördliche Lebensstandard immer verantwortungsloser. Dies führt gerade Deutschland vor: Mit einer “Energiewende”, die kaum CO2-Emissionen senkt, sondern nur Landschaften zerstört, ist nicht nur ein größenwahnsinniges Technologieprojekt, sondern der lang erhoffte Beweis dafür gescheitert, dass stetiges Wohlstandswachstum und ein ökologisch reines Gewissen miteinander vereinbar sind.

Die ständige Demütigung der Verlierer

Neben dem Klimawandel rücken weitere Wachstumsbarrieren in Sichtweite, auch kulturelle. Digitale Kommunikationssysteme sowie die überbordende Mobilität von Menschen und Produkten infiltrieren jeden Winkel des Globus. Doch wenn alles mit allem durch Personen-, Güter- und Datenströme verbunden ist, konkurriert unweigerlich auch alles mit allem. Die damit aufgedeckten Differenzen betreffen nicht nur die wirtschaftliche Dimension. Vielmehr beschwören sie einen latenten Modernisierungsvergleich herauf, der seinen Verlierern ständig vor Augen führt, dass sie – gemessen am europäischen und nordamerikanischen Ideal – nicht mithalten können.

Je freizügiger und egozentrischer sich die Abkömmlinge der konsum- und technikaffinen Kulturen aufführen, desto überlegener dürfen sie sich fühlen, und desto gedemütigter stehen die Zurückgebliebenen da. Kulturen, die an traditionellen, zumal religiösen Maßstäben ausgerichtet sind, verlieren jeden Schutz davor, ihren Modernisierungsrückstand vorgeführt zu bekommen.

Der Kulturvergleich, dem in Afrika, Asien und Lateinamerika infolge billiger Smartphones und Flugreisen niemand mehr zu entgehen vermag, pulverisiert stabile Orientierungen. Was vormals sinnstiftend und materiell hinreichend war, wird entwertet und fühlt sich jetzt nur noch vormodern, ärmlich oder gar unmenschlich an. Die Erwartungen an einen verheißungsvollen Fortschritt sind hoch, die Möglichkeiten, sie schnell zu erfüllen, aber sehr unzulänglich. Die Kluft zwischen beidem zerrüttet Kulturen und soziale Zusammenhänge.

Flucht ins vermeintliche Paradies Europa

Zwei typische Reaktionsmuster der Entwürdigten halten Europa in Atem. Zum einen werden religiöse Traditionen radikalisiert. Sich von den “gottlosen” Modernisierern abzugrenzen und diese als Feinde zu bekämpfen, scheint identitätsstiftend zu sein, weil sich daraus ein heroisches Selbstwertgefühl ableiten lässt. Zum anderen verlassen immer mehr Menschen ihre Heimat, um ins vermeintliche europäische Paradies zu gelangen. Sie folgen dem Versprechen, dort übergangslos das Leben der Fortschrittlichen imitieren zu können. Hinzu kommen jene, die vor Kriegen fliehen. Die Klügsten gehen, die südlichen Ökonomien bluten aus. So wird zerstört, was jahrzehntelang entwicklungspolitisch aufgebaut werden sollte.

Aber globale Gerechtigkeit kann weder ein Unterfangen der kulturellen Homogenisierung sein, noch kann sie allein auf ökonomischer Ebene erreicht werden. Nicht der Süden wäre zu “entwickeln”, sondern der Norden müsste materiell abgerüstet werden. Nur so kann er dem Süden ein Stück Würde zurückgeben, ohne unerfüllbare Träume zu wecken. Eine bloße Übertragung des European Way of Life – ganz gleich ob durch internationalen Handel, Entwicklungspolitik oder Einwanderung – kann nur im ökologischen Fiasko enden.

Überwindung des Wachstumszwangs

Ein Entwicklungsmodell für Europa wäre gerechtigkeitsfähig, wenn es die Wohlstandsdifferenz abbaut, indem die eigenen materiellen Ansprüche auf ein “menschliches Maß” zurückgeführt werden. Dieses seinerzeit von Leopold Kohr und Ernst Friedrich Schumacher geprägte Konzept bedeutet mehr als pure Selbstbegrenzung, um ökologische Grenzen einzuhalten. Es stellt die Überwindung des Wachstumszwangs in Aussicht – allerdings nur dann, wenn es gelingt, das Leben nach und nach zu deglobalisieren und zu deindustrialisieren.

Europa würde sich zu einem Kontinent der souveränen Regionen wandeln, die sich möglichst kleinräumig versorgen. Die Menschen würden wieder sesshafter. Das wäre, zugegeben, nur mit einem weitaus bescheideneren Wohlstand vereinbar. Aber dieser wäre krisenstabiler und ökologisch verantwortbar.

An die Stelle der entgrenzten industriellen Arbeitsteilung träten moderne Produktionssysteme in kleinerem Maßstab, kombiniert mit handwerklicher Versorgung und urbaner Selbstversorgung. Dies entspräche einer Abkehr vom gegenwärtigen Produktivitätsdogma, basierend auf einfacheren Technologien, welche die menschliche Arbeitskraft nicht ersetzen, sondern maßvoll verstärken, mit weniger Kapital auskommen und beherrschbar sind.

Ein autonomes, kooperatives, würdevolles Leben

Um die unvermeidbare Reduktion an Einkommen und Industrieproduktion sozialpolitisch abzufedern, müsste die verbliebene Erwerbsarbeitszeit umverteilt werden. Vollbeschäftigung wäre immer noch möglich, wenngleich auf einem deutlich geringeren Niveau an entlohnten Arbeitsstunden, etwa 20 Wochenstunden.

Die freigestellten 20 Stunden könnten verwendet werden, um die verringerte Güterproduktion durch handwerkliche Selbstversorgung zu veredeln. So könnten bestimmte Güter, etwa Nahrungsmittel, wieder teilweise selbst hergestellt und Gebrauchsgegenstände instand gehalten, eigenständig repariert und gemeinschaftlich genutzt werden. Der Bedarf an Gütern würde sich entsprechend verringern. Menschen, die ergänzend zu einer 20-Stunden-Beschäftigung handwerkliche und subsistente Tätigkeiten verrichteten, praktizierten ein würdevolles Dasein, das sich nicht mehr aus dekadenter Bequemlichkeit speiste, sondern daraus, autonom und kooperativ mit anderen überlebensfähig zu sein.

Ein solcher Lebens- und Versorgungsstil wäre Teil einer Postwachstumsökonomie und setzt verringerte Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung voraus. Aber er ließe sich aufgrund geringer technischer, finanzieller und bildungspolitischer Voraussetzungen leicht kopieren und offenbarte somit eine ehrliche Perspektive für den globalen Süden. Überdies könnte sein genügsamer und sesshafter Charakter wohl kaum den kulturzerstörerischen Sog entfalten, den die europäische Traumfabrik derzeit noch ausübt.